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Kurz reingeschaut: mit Angelo zu Christo – zu Besuch bei „The Floating Piers“ am Lago d’Iseo

Es gibt Gelegenheiten im Leben, die kommen nicht wieder. Nutzt man sie nicht, gehen einem hinterher die „ach hätte ich doch nur“-Sätze nicht mehr aus dem Kopf. So ging es uns, als wir auf dem Weg von Tirol in die Toskana einen Abstecher an den Lago d’Iseo machten, um Christos Kunstwerk „The Floating Piers“ – künstlichen Stegen, die das Festland mit zwei Inseln verbinden – einen Kurzbesuch abzustatten – der sich abenteuerlicher gestaltete als gedacht.

Die Rekord-Besucherzahlen hatten wir schon vorher vernommen, ebenso die warnenden Stimmen – aufgehalten hat es uns nicht. Auch wenn die Schilder auf der Autobahn schon geschlossene Parkplätze signalisieren, biegen wir dennoch ab in Richtung Iseo-See. Vorbei an Unmengen von Wildparkern, versuchen wir, uns dem See und dem Ort Sulzano, an dem der orangefarbene Steg beginnt, zu nähern. Die „Polizia“ hat allerdings alle Zugänge zu den Küstenorten abgesperrt, erst einige Orte weiter kommen wir in Marone an den See. Einen der letzten Parkplätze – der eines am See gelegenen Ristorantes – sichern wir uns nach harten Verhandlungen mit dem Padrone. Nun sind wir also am See, aber von Christos orangenen Stegen ist noch nichts zu sehen – zu Fuß hätten uns anderthalb Stunden Marsch unter gleißender Sonne erwartet, missmutig kommentiert von zwei leicht genervten Kindern. Der freundliche Parkplatzwächter zählt die Alternativen auf: Zug, Bus, Schiff. Zug und Bus sind allerdings gesperrt – zu viele Besucher sind schon in Sulzano, denn es dürfen maximal 11.000 Menschen gleichzeitig auf die Piers – und ein Vielfaches wartet bereits davor auf Einlass.

Bleibt nur der Seeweg. Vor der Anlegestelle spielen sich dramatische Szenen ab, in allen großen Sprachen der Welt wird hier auf die armen Ticketverkäufer eingeredet. Erkenntnis: Überfahrt zur großen Insel, der Monte Isola, wäre möglich – für 40 Euro, Abfahrt in ca. 1,5h. Wir wollen am gleichen Tag noch weiter in die Toskana, und es ist mittlerweile schon ca. 13 Uhr. Warten ist keine Alternative, Umkehren aber auch nicht. Die Rettung naht in Form eines kleinen motorisierten Kahns, darauf Angelo, ein älterer Einheimischer mit seinem Hund – gerade auf dem Heimweg. Vermutlich ist es die sprichwörtliche italienische Kinderliebe, die sein Herz erweicht – und uns eine Überfahrt zur Insel verschafft. Auf geht’s über den See auf einer ehemaligen venezianischen Gondel, wie er uns auf der Fahrt erklärt. Auf dem Weg umrundet er sogar extra noch Isola di Loreto – eine winzige Insel in Privatbesitz, mit einer malerischen Villa obendrauf – und arrangiert sein Boot so, dass er ein Foto von uns mitsamt Insel und Villa im Hintergrund schießen kann. Nie war der Weg mehr das Ziel als bei dieser wunderschönen Überfahrt.

Angekommen auf der Monte Isola, erwartet uns auch noch ein Fußmarsch zum Südzipfel der Insel – durch einen verträumten Küstenort, vorbei an üppig blühendem Oleander. Erste Erkenntnis: hier würden wir am liebsten einfach über Nacht bleiben, uns in eines der kleinen Hotels einbuchen. Leider oder zum Glück schon lange alles ausgebucht. Beim nächsten Mal schauen wir uns den Lago d’Iseo, der sich geografisch etwas westlich vom viel stärker frequentierten Gardasee „versteckt“, auf jeden Fall mal etwas näher an, denn er steht dem prominenten Nachbarn in nichts nach.

Endlich: der orangefarbene Steg, der das Festland mit Monte Isola verbindet, ist am Horizont zu entdecken. Darauf: eine Ameisenstraße aus tausenden Menschen. Je näher wir kommen, desto atemberaubender, unglaublicher wirkt dieses Kunstwerk – hier erleben die Besucher den alten Traum, übers Wasser zu gehen, ganz real. Die Stege schwanken leicht im Wasser, sie sind aus 220.000 Schwimmkörpern gefertigt und im Nachhinein mit orangefarbenem Stoff überzogen. Für zwei Wochen verbinden sie die beiden Inseln mit dem Festland, und sind doch vergänglich.

Die Besucher sollen sich fühlen, als würden Sie „auf dem Rücken eines Wals“ laufen – so hat es sich Christo vorgestellt, und so fühlt es sich auch an. Eine sehr friedliche, fast andächtige Stimmung ist trotz der vielen Menschen auf den Stegen zu erleben. Groß und Klein, Kind und Kegel, auch Rollstuhlfahrer, sind auf der sich sanft mit den Wellen bewegenden Brücke unterwegs. Einige Jahre nach dem Tod seiner Frau Jeanne-Claude hat Christo im Alter von 81 Jahren hier etwas Großartiges geschaffen – zum ersten Mal allein, ohne seine Frau. Und zum ersten Mal bindet er die Besucher mit ein in diese monumentale Installation. Die Menschen betrachten es nicht nur, sie werden Teil seines Gesamtkunstwerks.

Wir genießen das tolle Gefühl, bei dieser einmaligen Gelegenheit dabeisein zu dürfen, spazieren über den Steg – dessen Dimensionen (16m breit, 3km lang) aus der Nähe noch unglaublicher sind – wieder in Richtung Festland. Gut, dass wir das Pferd von hinten aufgezäumt und die Insel mit dem Boot erreicht haben, denn als wir im kleinen Örtchen Sulzano, dessen Gassen ebenfalls mit dem weichen orangefarbenen Gewebe ausgelegt sind, ankommen, sehen wir, wie viele Besucher dort noch unter der Nachmittagssonne auf Einlass warten – freundlicherweise immer mal wieder mit einer in die Menge gerichteten Wasserfontäne abgekühlt.

Die Rückfahrt nach Marone bleibt abenteuerlich. Wir kaufen Bustickets, stellen uns zur Traube der Marone-Rückreisenden, der erste Bus kommt, die Masse drängt hinein, wie man es sich sonst eher in Indien vorstellen würde. Es passen natürlich nicht alle rein. Der nächste Bus, so erfahren wir, soll erst in einer Stunde fahren. Großes Geraune macht sich breit, doch dann erscheint plötzlich doch noch ein anderer Bus. „Marone? Si!“. Alle rein, Abfahrt. Im Bus stellt sich heraus, dass dieser von einer anderen Busgesellschaft betrieben wird, die Tickets der Mitreisenden sind leider ungültig. Trotz Überfüllung und hochsommerlicher Temperaturen bahnt sich ein Schaffner seinen Weg, um den Passagieren neue Tickets zu verkaufen. Leider hält dieser Bus nur am Ortseingang von Marone – und Marone ist lang. Also doch nochmal Fußmarsch. Auf halber Strecke tritt der Sohn in Wanderstreik. Ich habe ein Einsehen und stoppe für die letzten (Kilo-)Meter ein Taxi, das uns avanti zum Auto zurückbringt.

Wir treten müde, aber glücklich die Weiterfahrt in die Toskana an, wo wir sogar noch rechtzeitig vor Anpfiff des Deutschland-Italien-Spiels eintreffen – mit dem tollen Gefühl, übers Wasser gegangen zu sein. Danke, Christo. Und danke, Angelo.

Für alle, die nicht die Gelegenheit hatten, das Kunstwerk live zu sehen, gibt es einen sehr schönen „The Floating Piers“ Bildband aus dem Taschen Verlag.

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